Im Interview mit Konrad Wolf von der zett stellte er mir eine Frage die etwas „out of the Box“ war, die ich aber – vielleicht auch deswegen – ziemlich spannend finde. Er fragte mich:

Bild: Andi Weiland

„Was bedeutet Berührung für dich?“

Nun gut, ich tue es, wenn nicht Corona-Lockdown ist, berufsbedingt ziemlich oft. Ich berühre andere Menschen und werde von ihnen berührt. Und bin mir um die Qualität guter und vor allem einvernehmlicher Berührung ziemlich bewusst. Aber wie ich es schon vereinzelt verraten habe, bin ich keine Berührungs-Hascherin. Das Bild zu zeichnen, dass mir dabei vorschwebt, soll nicht despektierlich (derzeitiges Lieblingswort) gemeint sein, aber es gibt Situationen und Menschen, die mir durchaus unangenehm sind. 

Überspitzt formuliert nenne ich sie jetzt mal: „Eso-Menschen“. Die, die ihre Wohnung mit Seiden-Tüchern auskleiden und Salzkristall-Lampen anordnen. Ich gönne jede:m seine bzw. ihre „Flippigkeit“, bin selbst auch oft „anders“ und gehe da bei Freund:innen und nahen Bekannten auch oft gut mit. Die „Eso-Menschen“, mit denen ich in Kontakt bin, sind dann glücklicherweise auch so empathisch, dass sie sich wieder etwas zurücknehmen können. Nur, es gibt ein paar Punkte, die mich bei diesem Klischeebild etwas unangenehm berühren.

Die Dosis macht das Gift

Da ich auf einer freien Waldorfschule war und ich mittlerweile regelmäßig in Reformhäusern einkaufe, sind mir „diese“ Menschen nicht neu und auch nicht fremd. Ich verstehe die „Muckeligkeit“ dieses Stils und dieser Atmosphäre, empfinde es aber oft auch als weltfremd.

Die zwei Jahre des Produktdesign-Studiums in Kassel taten ihr übriges, um mich vollends von dieser Ästhetik zu distanzieren. Aber als ich mich mit der Sexualbegleitung für behinderte Menschen beschäftigte, holte mich diese Szene eigentlich wieder etwas ein.

In meinem Bild von diesen Menschen, schwingt (wie passend) auch immer eine gewisse Aufdringlichkeit mit. Eine „Weirdness“, die man sich selbst gegenüber einräumt und von anderen kritiklos akzeptiert und nicht hinterfragt sehen möchte. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber diese Auffassung lässt mein „Inneres Kind“ ziemlich oft in die Trotzphase zurück fallen und innerlich schreien: „Ahh, lass mich in Ruhe und komm mir ja nicht zu Nahe!“

Was ist so schwierig an einem modernen Mittelweg?

Es sind nämlich so gut wie immer irgendwie „Kuschler:innen“ oder Menschen, die einem einen Schritt zu Nahe kommen. In der Unterhaltung, in der Warte-Schlange und im Reformhaus 😉

Ich binde (zumindest nicht bewusst) keine tantrische Elemente in meine Arbeit ein und empfinde es auch nicht als notwendig. Aber ich habe immer wieder den Eindruck, dass man „tantrisch“ arbeitet, um der Sexualbegleitung mehr Berechtigung und Gewicht geben zu wollen. Aber natürlich ist eine Auseinandersetzung mit Lehrinhalten zur Berührung wichtig! Mich persönlich hat die „basale Stimulation“ sehr inspiriert. Gut, ich mag auch Kuscheln, ich mag Berührungen an sich, einen festen Handschlag und eine feste Umarmung. Go for it!

Aber nicht um jeden Preis. Ich respektiere die Grenzen meines Gegenübers und versuche nicht, andere von einer Räucherstäbchen-Ideologie zu überzeugen. Erst recht nicht bei meiner Arbeit als Sexualbegleiterin. Persönlicher Raum, z.B. 30 cm um den eigenen Körper herum, sind auch wichtig und richtig!

Berührungs-Bedürfnisse achten. Die der anderen, aber auch die eigenen!

Wenn ich mich an meine Kindheit und Jugend erinnere, dann hatte ich nicht immer eine unbefangene Einstellung zur Berührung an sich, oder das, womit wir berührt werden.

Der Sand im Sandkasten des Kindergartens, in dem man an einem Tag Edelsteine sammeln konnte. Fragt nicht! Es war ein integrativer Waldorf-Kindergarten, da macht man sowas, und er war wundervoll! Ich wollte also unbedingt die Edelsteine, aber den Sand empfand ich als fürchterlich unangenehm. Er kitzelte und blieb unter meinen Fingernägeln stecken. Teufelszeug! Unangenehm waren mir auch die Situationen, als mir die Fingernägel als Kind geschnitten wurden. Weil danach eine so empfindsame Haut an der Fingerspitzen offengelegt wurde und es dort wieder unentwegt kitzelte. Aber auch die Haare von anderen gewaschen zu bekommen war stressig. Je vorsichtiger es gemacht wurde, umso schmerzhafter empfand ich es.

Der Kuss, den ich mal versehentlich auf mein Ohr bekam, ließ mich akustisch verzweifeln, bleibt mir und meiner Mutter bis heute in Erinnerung, war aber nur lieb gemeint und ist längst verziehen 😉 Wem ausser meiner Mutter, konnte ich diese sensorische und akustische (Über)-Empfindlichkeit schon erklären?

Die Motivation eines nahen Verwandten allerdings, die kleine Edith „lockerer“ zu machen, in dem man mit ihr gemeinsam beim Besuch des Schwimmbads auch noch in die Sauna geht, habe ich aber bis heute negativ in Erinnerung und kann auch heute noch nicht wirklich nachvollziehen. Ich weiß, es war keine sexualisierte Übergriffigkeit, ich empfand es aber dennoch als grenzverletzend und meine Scheu hätte akzeptiert werden müssen.

Die Kleidungsphasen die ich durchlief, wären ihre eigene „Mini-Playback-Show“ wert gewesen: Meine peinliche Jogginghosen-Phase im Kindergarten, in Pink, Blau, Grün oder Rot, weil das Bündchen und der Knopf an der normalen und vernünftigen Hose, am Bauch schier unerträglich unangenehm war! Strenge Kleidchen, die mir Ordnung, Klarheit und irgendwie Struktur gaben in der ersten Klasse. All dies „berührte“ mich ja!

Berührungsgedächtnis?

Berührungen an sich fand ich angenehm. Lieber ein dicker „Knuddler“, als eine leichte Umarmung. Daran hat sich bis heute nichts verändert!

Aber die pubertären und albernen Annäherungen meiner Klassenkameradin, die meinte es wäre lustig, mich mit ihrem Stabilo regelmäßig unter meinem Kinn anzutippen, haben sich in mein Gedächtnis gebrannt, sodass ich, werde ich heute mit 32 Jahren, plötzlich dort berührt, etwas – was ein Wortspiel – aus der Haut fahren kann. Auch die Tatsache, dass die Mathematik-Lehrerin gefühlt immer einen Schritt zu nah auf uns zu kam, wenn wir etwas mit ihr besprechen mussten, viel sogar meinen Mitschülerinnen auf. Es war keine Annäherung, viel eher eine Unbedachtheit ihrerseits. Aber dennoch, einen Schritt zu weit in unsere Privatsphäre.

Früher habe ich diese Erinnerungen vielmehr gefühlt, als das sie mir rational bewusst waren. Jetzt in die Analyse zu gehen, bringt mir eine gewisse Distanzierung vom Erlebten, sodass ich offen darüber sprechen und schreiben kann.

Aber ich kann immer noch empfinden, wie ich mich im Kindergarten im Sand gefühlt habe und finde es auch absolut gerechtfertigt, dass ich nachher mit Lakritz bestochen wurde, damit man mir die Haare waschen durfte 😉

Und – nach der Kindheit und Jugend ging diese sensorische Besonderheit weiter. Die Seide- und Samtproben in der Ausbildung zur bekleidungstechnischen Assistentin waren faszinierend bis unangenehm zugleich zu fühlen. Die Arbeiten mit Ton und Gips im Studium war schieres sensorisches Aushalten zwischen Faszination und Folter.

Ich begriff, eine solche Wahrnehmung – meine Wahrnehmung – wächst sich weder raus, noch lässt sie sich abtrainieren. Vielmehr muss man einen Umgang mit diesen feineren Empfindungen finden.

Seit dieser Erkenntnis – begleiten mich auch die Fragen, ob der eigene Körper sich diese Berührungen merken kann und ob es ein Berührungsgedächtnis gibt. Die ersten Forschungen zu unserem Tastsinn laufen, aber immer noch wissen wir erschreckend wenig über unsere Haut.

Du berührst doch gern, oder?“

Wenn ich Menschen noch nicht so gut kenne, oder eher ein beruflicher Kontakt, durch Veranstaltungen und Vorträge besteht, möchte ich gerne mit Handschlag begrüßt und verabschiedet werden. Und ja, ich möchte als 32 jährige Frau auch gerne mal gesiezt werden. Eine Hörerin, auf einer Veranstaltung 2019, umarmte mich nach meinem Vortrag, kaum ohne zu fragen.

Ich weiß mittlerweile, dass ich andere Menschen berühre, auch ich sie gar nicht praktisch berühre. Nämlich durch das was ich sage und worüber ich spreche. Aber umarmen möchte ich: meine Freunde, meine Familie und meine Klient:innen.

Es ist mein Umgang mit dieser Komplexität. Es muss nicht jede:m so gehen, aber wir sollten uns auch unserer Privatsphäre oder viel eher dem „privaten Raum“ um uns herum bewusst sein und den von anderen auch be-achten und respektieren. Nicht nur in der derzeitigen Pandemie.

Es gibt Nachbarn, mit denen ich es kaum im Fahrstuhl aushalte. Weil der eine mit sexualisiertem Unterton „Hallooh“ sagt und der andere davon spricht, dass er „so gut Hunde kraulen könne“ und eine heiden Freude zu haben scheint, dies dann bei meinem Hund Mara zu tun (das Luder macht immer mit!) und mein Raum im Fahrstuhl einfach nicht beachtet wird.

Es gibt Freund:innen, die so raumgreifend sind, dass ich nach ihrem Besuch erstmal meine Wohnung sauge und wische um wieder „mein Revier“ zu haben. Und es wird wohl sehr lange dauern, bis ich wieder ein Fernseh-Team in meine eigenen vier Wände lasse. 😉

Feine Antennen 

Mittlerweile weiß ich um meine Wahrnehmung der Dinge und Menschen, die Vielschichtigkeit von Berührungen und das es sogar für mich nicht so leicht ist, die Frage von Konrad ad hoc zu beantworten und das die Antwort nicht ausschließlich positiv, sondern komplex ist.

Aber ich glaube auch, dass mein Mangel am „Fell vorm Bauch“ mich wiederum gerade für diese Arbeit qualifiziert. Nur muss ich eben auch meinen emotionalen Selbstschutz erhalten.

Die Haut ist das größte Sinnesorgan was wir besitzen, da sollten wir es nicht unterschätzen!

Um einer gewissen Betriebsblindheit vorzubeugen, muss auch ich mir darüber bewusst sein und bleiben und mir diese Frage zukünftig weiterhin stellen.

Habt ihr auch besondere Berührungs-Bedürfnisse? Vielleicht sogar aufgrund einer Behinderung?